Wenn aus der Weihnacht eine Wahnnacht wird.

Es ist wieder so weit, eine der schönsten Zeiten des Jahres steht vor der Tür. Alle sind selig und zufrieden und freuen sich darauf die Feiertage mit Ihren Liebsten in trauter Atmosphäre bei gutem Essen und viel Liebe zu verbringen. So ist die Vorstellung und das jedes Jahr aufs Neue. Doch dann kommt die Ernüchterung. Viele fahren nach den Feiertagen völlig gefrustet ins eigene Heim oder sind froh, wenn die bucklige Verwandschaft endlich die eigenen vier Wände verlässt.
Woran liegt das? Warum fällt es uns so schwer diese Zeit wirklich zu genießen?
Zunächst ist da der Wunsch nach absoluter Harmonie, ein Wunsch der zu keinem Zeitpunkt zu erfüllen ist. Um diesen Wunsch zu erfüllen, müssten wir Kontrolle über die Befindlichkeiten der anderen Menschen haben. Der Anspruch die „Anderen“ glücklich und oder zufrieden zu machen ist ebenso utopisch. Wir scharwenzeln um Tante Irmgard herum und fragen: „noch ein Schlückchen noch ein Keks, sitzt du gut oder kann ich noch was für dich tun?“ Und eigentlich guckt die gute Tante nur so bedröppelt, weil sie sich seit zehn Minuten schon einen Furz verdrückt und sich, aus Angst er könnte entweichen, nicht aufs Klo traut. Jaaa, zur Weihnacht sind wir alle besonders lieb und nett und vornehm. Wir quetschen uns in unbequeme Strumpfhosen und kratzende selbstgestrickte Pullis, weil das zu Weihnachten eben so ist. Zu Weihnachten wird sich schick gemacht, vielleicht aus Respekt der Baumleiche, die mittlerweile hübsch geschmückt ist, gegenüber. Schließlich darf der arme Baum nicht umsonst gestorben sein.
Nach den netten Begrüßungsfloskeln geht es auch schon los mit dem Verteilen der Jagdbeute, die wir wenige Tage oder Wochen vorher, ohne groß zu überlegen in einem Konsumrausch erworben haben. Die Kinder werden gezwungen was hübsches aufzusagen oder zu singen, denn von nix kommt nix. Ein Geschenk will schließlich auch verdient sein. Wir schenken hier schließlich nix zum Spass, oder um uns an den Reaktionen der Beschenkten zu erfreuen. Mittlerweile hat die Verwandtschaft auch schon einen Schwips und Onkel Willi fängt wie jedes Jahr an einen schier endlosen Monolog über den Verfall der Jugend zu halten, wobei er ebenso Parallelen zur französischen Revolution zieht wie zum Islamismus. Spätestens jetzt wird überlegt ob es nicht doch sinnvoll ist, die bekämpfte Nikotinsucht wieder zurück zu holen, nachdem Mutter schon frug ob wir denn was an der Blase hätten weil wir alle 20 min auf die Toiletten verschwinden würden, nur um mal fünf Minuten draußen verbringen zu können und sich ausgiebig am, von der Strumpfhose gepeinigten, Arsch zu kratzen.
Während dessen steht die Mutter in der Küche, schwitzt und ist gestresst um das festliche Mahl aufzutischen, sei es Kartoffelsalat mit Würstchen, Raclette oder Fisch, denn auch hierfür hat jede Sippe ja einen genauen Fahrplan der strikt eingehalten werden muss. In der Hütte sind mittlerweile gefühlte vierzig Grad, weil der Ofen heizt der Herd an ist, die Menschen um uns herum dünsten und der selbstgestrickte Wollpulli gleicht einem Gefängnis. Der Stresspegel steigt bei allen Beteiligten und die Kinder fangen an rumzunerven, weil sie genau spüren irgendwas stimmt hier nicht. Dann endlich lassen sich alle an der Festtafel zum Schmausen nieder. Jetzt könnte man ja denken, nun wird es gemütlicher, wenn da nicht der unterschwellige Kampf zwischen den Herren wäre, wer denn jetzt hier das Alphatier in diesem Szenario ist. Während die Frauen oftmals darum wetteifern wer denn die besten Rezepte hat und die tollste Hausfrau ist – Rollenklischees werden hemmungslos reproduziert – auch wenn frau den Rest des Jahres die Emanzipation hoch hält. Schließlich ist Wahnnacht, die hat ihre eigenen Regeln.
Nachdem das auch geschafft ist, werden die Konsumgüter und die Kinder, nebst besserer Hälfte ins Auto verfrachtet. Auf der Heimfahrt wird hemmungslos über die Verwandtschaft hergezogen und die lieben Kleinen, hinten im Auto lernen eine Lektion fürs Leben, nämlich Unehrlichkeit, Inkonsequenz und das es eben normal ist nicht authentisch zu sein, weil die anderen es ja irgendwie erwarten.
Tag eins wurde überstanden. Am nächsten Tag geht der Wahnsinn unhinterfragt weiter. Entweder man fährt zum Essen oder kocht und hat eingeladen. Was jedoch klar ist, auch hier muss sich streng ans Protokoll gehalten werden. Warum? Na, weil es doch schon immer so war, weil wir uns nicht die Frage stellen, was wollen wir denn eigentlich. Weil wir immer noch versuchen andere zufrieden zu machen und uns selbst dabei vergessen. Also weiter so. Wir  fahren durch den an einen Weltuntergang erinnernden Verkehr, um mit den Liebsten, die wir mittlerweile gar nicht mehr so lieb finden, die schöne Weihnachtszeit zu verbringen. Wir setzten uns an die festlich gedeckte Tafel und unser Gesicht gleicht einer Grimasse als wir wie selbstverständlich sagen. „…aber sicher Tante Traude, ich möchte unbedingt noch einen großen Löffel Fett über mein schlabberiges Gänsefleisch.“ Vollgefressen und unzufrieden sitzen wir anschließend auf der Couch und äußern gebetsmühlenartig Sätze zu den Kindern wie: „Nicht so laut! Achtung der Baum! Nicht die Schokolade an die Couch schmieren! Aber die Tante würde sich so freuen, wenn du jetzt lieb bist!“ Spätestens jetzt werden aus den Glocken die süßer nie Klingen, laut schrillende Alarmglocken. Spätestens jetzt stellen wir uns die Frage, warum wir das alles jedes Jahr mit uns machen lassen, um gleichzeitig zu wissen, dass es ja nur noch heißt einen Tag zu überstehen.
Der zweite Weihnachtsfeiertag gestaltet sich dann ebenso wie die beiden Tage vorher, nur das alle Beteiligten jetzt noch gefrusteter sind und aus dem Fest der Liebe ein Fest der verbalen Hiebe wird. Wir fangen an unsere Unzufriedenheit auf andere zu projizieren, weil wir ja nicht direkt sagen können, wollen oder dürfen, was wir von diesem ganzen Theater halten.
So oder so ähnlich ergeht es Jahr für Jahr vielen Familien und Menschen. Tja, so ist das eben zu Weihnachten. Ja, auch die Filmindustrie zeigt uns in zahlreichen Blockbustern, dass diese wahnhaften Weihnachten real sind. Doch anstatt uns zu fragen, ob dass der Sinn von diesem Fest ist, freuen wir uns darüber dass es den anderen auch so geht, was uns ein bisschen Linderung verschafft. Geteiltes Leid ist schließlich halbes Leid. Obwohl hier aus geteiltem Leid wohl eher doppeltes Leid wird.
Stellen sich die Fragen:
Was würde schlimmes passieren, wenn wir uns von den Zwängen und den Glaubenssätzen befreien, wenn wir die Unsicherheiten der anderen nicht nehmen und sie wieder gut machen wollen, wenn wir genau das besinnliche Fest feiern, dass wir uns wünschen? Richtig es würde nichts schlimmes passieren, denn für sein Glück ist jeder selbst verantwortlich. Wahrscheinlich würden wir es sogar schaffen, genau die Menschen um uns zu versammeln die uns wirklich wichtig sind zu dieser Zeit. Wahrscheinlich würden wir es schaffen zufrieden und entspannt das Jahr ausklingen zu lassen und Kraft zu tanken, anstatt sie auf zwanghaften Familientreffen zu verschwenden. In diesem Sinne seid Zufrieden.

Viel Erfolg und frohe Weihnachten!

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