Ganz oder gar nicht – Warum uns das dazwischen so fertig macht.

„Du musst dich mal entscheiden, beides geht nicht!“ Es gibt kaum einen Menschen der diesen Satz noch nicht gehört, oder gar zu sich selbst gesagt hat. Doch warum tendieren wir stets zu Extremen? Warum geht nur Null, oder Eins? Warum denken wir in Schwarz und Weiß?
Um diese Verhaltensmuster zu betrachten und zu konkretisieren, werde ich das Phänomen der sexuellen Orientierung benutzen, weil sich hier besonders gut die Verbindung zwischen sozialen Normen, inneren Konflikten -bezüglich unseres Instinktes oder unserem natürlichen Ich und unserem gesellschaftlich konstruierten Ich- und dem Null und Eins- Denken zeigen lässt.
Der Mensch unterscheidet in Hetero-Homo-und Bisexualität. Folgen wir weiter dem Null und Eins Algorithmus sind Hetero und Homo zwei klare Gegenpole und können als Null und Eins bezeichnet werden, oder als schwarz und weiß, wenn man so will. Die Bisexualität ist irgendwo dazwischen und somit ein Phänomen was bei vielen für Unsicherheit sorgt. Menschen die in ihrer Orientierung sowohl das Eine als auch das Andere schätzen, haben mit Sicherheit schon Sätze gehört wie: „Du musst dich mal entscheiden!“ oder „Bist du jetzt Homo?“
Was aus diesen Sätzen spricht ist zum Einen die Suche nach Sicherheit und zum Anderen die Glaubenssätze, die wir durch unsere gesellschaftliche Sozialisation mitbekamen, sofern wir diese noch nicht hinterfragt haben. Wir wollen alles fein kategorisieren um uns selbst ein Gefühl der Klarheit zu verschaffen. Das brauchen wir, um uns selbst in dieser Welt zu verorten. Menschen die es geschafft haben Ihre Rationalität und ihre Emotionalität in Einklang zu bringen sind selten diejenigen die auf ein Entweder-Oder hinwirken wollen.
Andere Beispiele wären Kategorien wie Gut und Böse, Mann und Frau, treu und untreu, lieben und hassen und so weiter. Es gibt meist ein dazwischen. Kein Mensch ist rein gut oder böse. Es gibt Menschen die unterscheiden zwischen geistiger und körperlicher Treue in Beziehungen und es gibt auch das Phänomen der Hass-Liebe. Selbst bei groß und klein, liegt die Zuordnung im Blickwinkel des Betrachters, nicht umsonst gibt es die Aussage: „Mmh, so Mittel!“ Also warum machen wir uns selbst das Leben so schwer, indem wir stets auf eine Entscheidung für das Eine oder das Andere beharren.

Zunächst gibt es zu diesen Tendenzen, oder Verhaltensmustern bereits Überlegungen die weit in die Geschichte zurück reichen. Am geläufigsten ist sicher die ethische These der „goldenen Mitte“ von Aristoteles. Er geht davon aus, dass das Ziel des menschlichen Daseins, das Streben nach Glück ist. Der Weg zum wahren Glück kann nur gelingen, wenn ein Mensch Verstands- und Charaktertugenden entwickelt. Wobei die Charaktertugenden durch Erziehung und Gewöhnung gebildet werden. Um beide Formen der Tugenden ausbilden zu können, muss sich der Mensch mit seinen Begierden und Emotionen auseinandersetzen

Ich möchte den Begriff des Glückes, hier als Zufriedenheit, als Zeichen von innerer Ruhe und Klarheit benutzen.
Betrachte ich nun die Entwicklung der Gesellschaft und die Tendenzen zur Unsicherheit, drängt sich mir der Eindruck auf, dass Verstandstugenden und Charaktertugenden bei vielen Menschen nicht im Einklang sind, sondern im Gegenteil sich sogar gegeneinander stellen. Die Folge sind massive Unsicherheiten bis hin zu psychischen Erkrankungen.

Zurück zu unserem Beispiel:
Da sich Menschen normalerweise nicht zu Geschlechtern, sondern zu Menschen hingezogen fühlen, liegt die Annahme nahe, dass es keine natürliche Hetero- und Homosexualität gibt.
Warum also das schwarz und weiß Denken? Warum der Rechtfertigungsmodus? Gerade auch in der Argumentation von Menschen die sich eher zu Menschen mit gleichem Geschlecht hingezogen fühlen, gibt es ähnliche Argumentationsstrukturen, wie bei jenen die Heterosexualität als das Ultimo begreifen. Beispielsweise die Aussage „Ich wurde so geboren“ zeigt, dass es hier zu einer Kategorisierung im Sinne eines Sicherheitskonstruktes kommt. Ich meine doch, der Mensch entscheidet sich bewusst für einen anderen Menschen. Die aktuellen wissenschaftlichen Ergebnisse zur Hirnforschung untermauern diese Annahme. Das Glücksgefühl welches durch Freundschaft und Partnerschaft ausgelöst wird, wird in der Hirnrinde, speziell dem orbitofrontalen/insulären Cortex verortet. Das ist die bewusste Ebene die mit der Verarbeitung von positiven und negativen Erfahrungen befasst ist. Eben jenes Zentrum welches auch unseren Charakter auszeichnet, wo die von Aristoteles bezeichneten Verstands- und Charaktertugenden unter Einfluss von Glaubenssätzen gebildet werden.

„Glück hängt nicht davon ab, wer du bist oder was du hast; es hängt nur davon ab, was du denkst.“ (Dale Carnegie)

Warum also die Rechtfertigung, durch etwas Übergeordnetes, hier die angeborene und somit natürliche Orientierung?
Schaut man in der Geschichte zurück, dann lässt sich bereits anhand der Lehren von Platon erkennen, wie wir möglicherweise über die Zeit zu dem Null und Eins Denken bezüglich unserer Sexualität, aber auch bezogen auf andere Lebensbereiche gekommen sind. (vgl.: https://people.well.com/user/aquarius/schlange.htm (ein informativer Blogeintrag zu dem  Thema der Entwicklung der Monosexualität und Platon))
Die Geschichte, die Religion und die gesellschaftlichen Entwicklungen im Sinne einer unaufhaltsamen Globalisierung taten ihr übriges.

Sigmund Freud stellte 1915 folgende These auf:

„Der Psychoanalyse (…) erscheint die Unabhängigkeit der Objektwahl vom Geschlecht des Objektes, die gleiche freie Verfügung über männliche und weibliche Objekte, wie im Kindesalter, in primitiven Zuständen und frühhistorischen Zeiten zu beobachten ist, als das ursprüngliche, aus dem sich durch Einschränkung nach der einen oder der anderen Seite der normale (d.h. Heterosexuelle) wie der Inversionstyp (d.h. der Homosexuelle) entwickeln. Im Sinne der Psychoanalyse ist also auch das ausschließlich sexuelle Interesse des Mannes für das Weib ein der Aufklärung bedürftiges Problem und keine Selbstverständlichkeit (…)“
Freud unterstellt also eine ursprüngliche Bisexualität die durch, Sozialisation, Normen und Glaubensätze im Heranwachsen eine Entscheidung für das Eine oder Andere verlangt. Die Sexualwissenschaften sprechen in diesem Zusammenhang von einer „monosexuellen“ Norm und beschreiben damit die Heteronormativität unserer Gesellschaft.
Die These von Freud wurde 1948 von Alfred Charles Kinsey mit seinem Report zum Sexualverhalten untermauert. Kinsey beschreibt eine 90-95% bis zu einem gewissen Grad bisexuelle Orientierung in der Gesellschaft.

Diese Aussagen, oder mein Beispiel lassen sich prima extrapolieren. Die Unsicherheit die Bisexualität auslöst wird auch ausgelöst, wenn wir beispielsweise Menschen treffen die Androgyn sind. Menschen die in Ihrem Auftreten weder das Eine noch das Andere sind und uns mit ihrer Natürlichkeit verunsichern und faszinieren gleichzeitig. Jedenfalls so lange bis uns die zwei Kategorien wieder einholen.

Am Anfang und am Ende steht die Frage. „Warum denken wir in schwarz und weiß?“.  Warum treffen wir Null- und Eins-Entscheidungen, obwohl wir vielleicht eher zu dem Mittelweg tendieren?
Ich denke weil wir es im Laufe unseres Lebens beigebracht bekommen, dass wir klar sein müssen in allem was wir tun oder entscheiden, dass wir uns rechtfertigen müssen. Rechtfertigen vor unseren Familien, Freunden, Partnern, Arbeitgebern, oder unserer Religion. Dass wir der Norm entsprechen sollen und das uns dieses Verhalten selbst Sicherheit geben soll, aber vor allem um dem Konstrukt der Gesellschaft genüge zu tun. Das Bedürfnis nach sozialer Anerkennung ist laut Werner Corell, jenes welches uns dazu bringt am ehesten unsere Motivationen an die Gegebenheiten anzupassen und uns auch freiwillig Zwängen auszusetzen nur um dieses Bedürfnis zu befriedigen. In diesem Zusammenhang werden wir oft gezwungen eine entweder-oder-Mentalität zu entwickeln, da wir sonst als nicht konsistent oder entscheidungsscheu wahrgenommen werden. Doch was tatsächlich passiert ist, dass wir unsere Authentizität verlieren und es nicht schaffen integer zu sein. Wir argumentieren oftmals nicht aus uns heraus, sondern aus der übergeordneten Norm oder den Glaubenssätzen. Der Drang nach Ordnung nach Einfachheit und nach Kategorien bewog uns über die letzten Jahrhunderte dazu, dieses gegensätzliche Konstrukt indem es kein dazwischen gibt auszubauen und zu einer allumfassenden Wahrheit zu machen , die uns heute vor die Herausforderung stellt, dieses über Generationen eingeübte Denken aufzubrechen.
Wenn wir es schaffen uns und unsere Umwelt als das zu sehen, was sie ist, nämlich etwas dazwischen, als etwas das vom Blickwinkel abhängig ist, dann schaffen wir es auch wieder in Einklang mit uns selbst zu kommen. Wenn wir nun also unsere Gefühle mit unserer Vernunft verbinden und unsere kindliche Unendlichkeit entweder zurückerobern oder beibehalten, schaffen wir es innere Zufriedenheit herzustellen. Dann schaffen wir es, uns von Kategorien, im Sinne der Sicherheit, wie Schwarz und Weiß zu befreien .

Viel Erfolg!

 

Ein Gedanke zu “Ganz oder gar nicht – Warum uns das dazwischen so fertig macht.

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