Die hypnotische Wirkung von Glaubenssätzen

Der Mensch ist ein soziales Wesen, jedenfalls im Idealfall. Wenn nichts gravierendes dazwischen kommt, wird ein Mensch geboren, wächst mit beiden, oder einem Elternteil auf und hat Kontakt zur Herkunftsfamilie, also Großeltern, Tanten und Onkels, Cousins und Cousinen und was da sonst noch so dran hängt oder eben nicht, und zu sozialen Netzwerken der Eltern und später zu eigenen sozialen Netzwerken.
Dieses kleine Menschlein wächst in den ersten Jahren mit rasender Geschwindigkeit heran. Nicht nur körperlich ist das zu beobachten, sondern vor allem  auf kognitiver Ebene. Einige Eltern stehen manches Mal staunend vor dem Kind und denken, meine Güte, gestern warst du noch ein sabberndes kleines Ding das nichts konnte.
Nun gibt es zahlreiche Versuche und neurologische Erkenntnisse zu der  Entwicklung des menschlichen Gehirns, die sich damit beschäftigen wann ein Mensch was kann, oder können sollte und wie die „Gute Entwicklung“ aussehen soll.
Einige Eltern sind ganz versessen darauf Ihren Sprößling anhand der offerierten Entwicklungsschritte zu beobachten. Auch die sozialen Netzwerke und die Herkunftsfamilie sind nicht verlegen, das Kind zu beurteilen und zu bewerten. Die eigenen Vorstellungen, Wahrnehmungen und Annahmen über das was ist und das was sein sollte werden oftmals hemmungslos auf das Kind übertragen. Alles im Auftrag der Erziehung. Stellt sich die Frage, ob es wirklich nötig ist ein Kind zu Erziehen, ganz im Sinne von – in Form – ziehen. Fragt sich auch, welche Form am Ende denn die Richtige ist? Wer gibt denn die gewünschte Form eigentlich vor? Und wie gehen Eltern damit um, wenn die Kinder aus der Form geraten? Wäre es nicht eigentlich sinnvoller ein Kind bei der Entwicklung zu begleiten? Warum fällt es vielen Eltern so schwer unbefangen und entspannt zu begleiten und sich dabei selbst nicht zu verlieren und zu überfordern?
Der Grund ist in den meisten Fällen die hypnotische Wirkung von Glaubenssätzen! Der Begriff der Glaubenssätze kommt aus der Psychologie, insbesondere aus dem  Ansatz des inneren Kindes. Was sind denn nun eigentlich diese Glaubenssätze und warum sind sie hypnotisch?
Glaubenssätze sind all jene Äußerungen die wir als Kind von unseren engsten Bezugspersonen, im Sinne von Normen und Moral zu hören bekommen. Mit Normen und Moral sind immer die eigenen Wertvorstellungen gemeint, die ein Mensch sich selbst erarbeitet hat, oder die von den eigenen Eltern unhinterfragt übernommen wurden. Hat ein Mensch solche Glaubenssätze verinnerlicht, wird er diese, sofern keine Erkenntnis vorliegt, unreflektiert an die eigenen Nachkommen weiter geben.
Ein Beispiel wäre: „Hör auf rumzuspinnen, das war gar nicht so!“ Hier wird eine zurückliegende Situation vom Erwachsenen und vom Kind bewertet. Das Kind hat eine andere Realität als der Erwachsene, weil der Blickwinkel anders ist. (Die Realität soll hier als Wahrheit verstanden werden, also als Eigenschaft von Aussagen die mit dem gespiegelten Sachverhalt übereinstimmen). Der Erwachsene kommuniziert dem Kind, dass die Wahrnehmung des Kindes falsch war und nur die Realität des Erwachsenen richtig sein  kann, da der eigene Blickwinkel, oftmals unreflektiert, als wahr empfunden wird und weil der Erwachsene als Kind wohlmöglich selbst so einen Satz hörte. Da Kinder erst im Rahmen der Adoleszenz umfassend befähigt werden zu abstrahieren, glaubt das Kind dem Erwachsenen. Der Glaubenssatz, deine Wahrnehmung ist falsch, pflanzt sich in die Selbstwahrnehmung des Kindes. Wird dieser Satz so, oder ähnlich wiederholt, verfestigt sich die Annahme des Kindes, eine falsche Wahrnehmung zu haben. Die Folge ist, das Kind wird aus der emotionalen Abhängigkeit heraus und als soziales Wesen sein Verhalten darauf hin anpassen, und kein Vertrauen in die eigene Wahrnehmung haben, sondern im schlimmsten Fall stets auf die Reflektion anderer Personen angewiesen sein. In der Wiederholung durch die Bezugspersonen und der mangelnden Abstraktionsfähigkeit, liegt die hypnotische Wirkung der Glaubenssätze. Durch das unreflektierte Glauben an die Aussagen, werden die zugeschriebenen Eigenschaften für das Kind wahr.
Andere Glaubenssätze sind nach Steve Biddulph  benannte „Du bist-Botschaften“. Auf die Fähigkeit zu abstrahieren verwies ich ja bereits oben. Was geschieht nun, wenn ich einem Kind sage, „Du bist nervig!“, „Du wirst das nie lernen!“, „Du kannst das nicht“ oder anders herum „Du bist groß und stark!“, „Du bist ein toller Mensch!“ „Du bist mutig und schlau!“ Das Kind glaubt dem Erwachsenen die Aussagen zu der eigenen Person, denn der Erwachsene, oder die Fürsorgepersonen, sind die direkten Vorbilder und Orientierungspunkte. Ein Kind stellt sich nicht die Frage, „Ist das wahr, was die Person sagt?“, schon gar nicht wenn eine emotionale Bindung vorliegt.
Ist das Kind dann irgendwann erwachsen und muss die Herausforderungen des Lebens meistern, werden immer dann, wenn eine Situation neu ist, eine Herausforderung besonders groß, genau diese hypnotisierenden Glaubenssätze hoch kommen. Sind die Glaubenssätze negativ, werden sie den Menschen verunsichern. Die Verunsicherung kann soweit gehen, dass die Realität nicht mehr erkannt werden kann und im schlimmsten Fall ist der Mensch handlungsunfähig.
Hat ein Mensch ein sehr großes Päckchen an negativen Glaubenssätzen mit sich zu tragen, ist die Wahrscheinlichkeit für psychische Erkrankungen gegeben.
Jetzt könnte ja der Umkehrschluss sein, ich sage meinem Kind nur positive Sachen und es wird keine Probleme haben. Ganz so einfach ist es leider nicht. Denn auch positive Glaubenssätze können negative Auswirkungen, bspw. Selbstüberschätzung und Übermut zur Folge haben und ebenfalls zu psychischen Erkrankungen führen. Zu nennen wäre hier Narzissmus. Auch hier wir die Realität durch eine Filterbrille oder einen starren Blickwinkel verfälscht. Ist ein Mensch zu egoistisch und selbstverliebt unterwegs, sind auch hier die Sanktionen des sozialen Umfeldes negativ.
Wie so oft im Leben ist der Mittelweg der Richtige, oder auch, um Aristoteles zu folgen, die „goldene Mitte“. Anders dargestellt alles zwischen Null und Eins und alles zwischen schwarz und weiß. Gegenüber den eigenen Kindern steht den positiven Rückmeldungen  die konstruktive Kritik gegenüber. Tadel und Lob halten sich die Waage.“Du bist ein schlaues Kind, auch wenn du hier einen Fehler gemacht hast“ oder „In dieser Situation hast du dich wie ein Egoist verhalten, ich weiß du kannst das besser.“ wären Beispiele für diesen Mittelweg.
Zwei Fragen sind, meines Erachtens, abschließend zu beantworten.
Wie wäre die Wirkungsabsicht, Erkennen der Realität, bezogen auf den Satz von oben „Hör auf rumzuspinnen, das war gar nicht so!“ wirkungsvoller an das Kind herangetragen?
Anstelle des „Hör auf rumzuspinnen, das war gar nicht so!“, könnte der Erwachsene auch sagen: “ So war das für dich, dass ist ja interessant, ich habe das so und so erlebt.“ Aus solch einer Aussage resultiert ein Gespräch, in dem das Kind lernt Situationen aus anderen Blickwinkeln zu bewerten und so die Realität zu erkennen.
Und wie gehe ich jetzt als Erwachsener mit meinen Glaubenssätzen um?
Finde heraus welche Glaubenssätze dich beeinflussen, deine Sicht trüben und dich hemmen, der Mensch zu sein, der du sein willst. Hast du einen Glaubenssatz erkannt, dann kannst du daran arbeiten diesen Satz nicht dein Handeln bestimmen zu lassen. Das hört sich leicht an, ist es aber nicht. Mach dich darauf gefasst, dass es schwer und emotional aufreibend ist. Sprich mit Vertrauten darüber, teile deinen Schmerz den Menschen mit, die dir diesen Glaubenssatz geschenkt haben. Je mehr Glaubenssätze du reflektierst, desto ausgeglichener und unbeschwerter kannst du dein Leben gestalten und genießen und desto glücklicher und unbeschwerter können deine Kinder aufwachsen.

Viel Erfolg!!!

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